Die Sicht der Palaestinaenser auf die Situation ihres Landes

NAHALIM, Mittwoch, 09.04.19

Palaestina, ein Ort gepraegt von Unterdrueckung und Abhaengigkeit
seit der Nakba, die Vertreibung aus dem eigenen Land. Wir sind seit Samstag im Land und nehmen an einem Austauschprogramm mit der Schule Talitha Kumi teil. Mein Austauschschueler Mustafa hat mich bereits mit vielen Leuten seines Dorfes bekannt gemacht. Sie beneiden und bewundern Deutsche fuer ihr freies Leben, etc., wodurch man sich leicht wie eine Art Attraktion im Dorf fuehlt, da man viele Blicke auf sich zieht. Jedoch erzaehlen mir die meisten Palaestinenser, mit denen ich geredet habe, dass sie, auch wenn sie die Moeglichkeit besaeßen, ihr Land niemals aufgeben wuerden, was ich im Folgendem im Detail ausfuehren moechte.

Omar, ein Freund Mustafas, mit dem ich mich auf Englisch verstaendigen konnte, berichtete mir von seinem Trip nach Italien. Er meinte. dass er in den 10 Tagen dort das erste Mal Freiheit und Unabhaengigkeit gespuert haette. Jedoch habe er nicht vor, seine Heimat aufzugeben, da er meint, dass das genau das Ziel der Israelis sei sie zu vertreiben. Mit Israelis meine er nicht die allgemeine israelische Bevoelkerung, sondern nur die Leute, die sie vertreiben wollen. Die Palaestinenser werden als gefaehrlich angesehen, dabei trifft man hier auf sehr gastfreundliche, lebensfrohe Menschen ohne boese Absicht. Ausserdem meinte Omar, er sei es leid in eine Schublade gesteckt zu werden und als gefaehrlich und boesartig angesehen zu werden, wenn manche Israelis vorhaben wuerden ihnen ihr Land zu enteignen. Was er und Mustafa auch noch verdeutlichen, dass die westlichen Medien immer nur auf die Israelis eingehen wuerden und die Palaestinaenser vernachlaessigt wuerden, obwohl man fuer ein Urteil eigentlich immer zwei Meinungen braucht.

Also die Quintessenz dieses Beitrages ist, dass man nicht zu voreingenommen den Palaestinaensern gegenueber sein sollte, da ich haeufig merke, wie die Vorstellungen der westlichen Bevoelkerung vom Leben hier abweicht. Man sollte allen Menschen mit der gleichen Einstellung gegenuebertreten.

Sam

Das Familienleben

Am Anfang wurden wir alle sehr herzlich begrüßt und liebevoll aufgenommen. Bei unserem ersten gemeinsamen Treffen, als wir von unserem Tag alleine in den Familien berichtet haben, wurde schnell klar, dass unsere Gastfamilien sehr herzlich, gastfreundlich und zuvorkommend sind. Ein Großteil der Familienmitglieder bietet uns ständig Essen an, versucht uns jeden Wunsch zu erfüllen und ist bemüht sich mit uns auf Englisch zu unterhalten, damit wir an ihrem und sie an unserem Leben teilhaben können. Das Angebot an Essen ist besonders groß. Immer wieder wird einem erneut Essen angeboten, selbst wenn man beteuert, dass man nichts mehr möchte und keinen Hunger mehr hat, geben sie nicht nach. Die großen Familien wohnen alle sehr nah beieinander, sodass wir oft von ihnen besucht werden oder selbst besuchen.

Beispielsweise am ersten Tag, als ich vom Flughafen zu meinem Austauschschüler nach Hause kam, wurde mir das gesamte Haus gezeigt und die Mutter war sehr zuvorkommend und war sehr bemüht sich mit mir zu unterhalten. Der Bruder ist, obwohl es schon spät war, extra noch einmal losgefahren, um Pizza zu kaufen, nachdem ich nach etwas zu Essen fragte. Das war sehr freundlich und ich war überrascht, dass er direkt für mich losgefahren ist. Generell ist mir aufgefallen, dass sie sehr spontan sind.

Als ich mit einer Freundin aus unserer Gruppe und meinem Austauschschüler bei seinen Großeltern, der Tante und den Cousinen war, haben wir uns lange unterhalten. Generell ist das Verhältnis in den Familien sehr eng. Am Abend haben wir einen Film geschaut und währenddessen kamen nach und nach alle Cousinen und andere Verwandte mit neuem Essen hinzu. Nebenbei haben sie mich oft gefragt, ob es uns gut ginge oder ob wir gelangweilt seien. Es war ihnen sehr wichtig, dass wir zufrieden sind und dafür richten sie sich meistens nach uns und stellen sich selbst zurück.

Marina und Lena



Unser Tag in Jerusalem

Am 09.04.19 waren wir mit unserer Gruppe in Jerusalem und konnten viele Eindruecke dabei sammeln, welche sehr ueberwaeltigend waren.

Eklatant zum Vorschein kam die Liebe der Menschen zu ihrem Glauben, welche wir durch unsere verschiedenen Kirchenbesichtigungen wahrnehmen konnten. Klar, die Kirche ist ein heiliger Ort fuer glaeubige Menschen, dabei ist die Mentalitaet hier sehr intensiv zu spueren. Ein Beispiel dafuer ist die Grabeskirche, in welcher wir waren. Neben der prunkvollen Einrichtung und der imponierenden Fassade hat die Kirche auch eine Wirkung auf die Menschen in ihr. Wir konnten Menschen beobachten, die ihre Sorgen durch das Beten offenbaren oder sich fuer Verschiedenes bedanken, wobei die Emotionen der Menschen unfassbar stark zum Ausdruck kamen. In der Grabeskirche war die Steinplatte, auf welcher Jesus gesalbt worden sein soll, ausgelegt. Menschen standen teilweise sogar stundenlang an, um die Platte kuessen zu duerfen. Die Grabplatte lag auf dem Boden, wobei die Menschen sich hinknieten und beteten. Sie rieben ihre Haende an ihr und kuessten sie teilweise auch. Sie redeten vor sich hin und gestikulierten stark. Was auf uns abstrus wirken mag, ist fuer die Menschen hier alltaeglich und selbstverstaendlich, also lediglich das Ausleben ihres Glaubens. Das Sprechen der Menschen an der Grabplatte war vorallem sehr laut und wirkte wie ein Wimmern.

Darueber hinaus waren wir auch an der Klagemauer, an welcher wir viel beobachten konnten. Die Menschen gehen dorthin, um ihre Wuensche, Sorgen und Gedanken „aussprechen“ zu koennen. Sie schreiben sie auf einen Zettel und falten ihn so klein wie moeglich, um diesen dann in die unzaehligen Einkerbungen der Mauer stecken zu koennen. Daher hat die Mauer auch ihren Namen. Auch ich habe einen Zettel geschrieben und in die Mauer gesetzt. Dabei konnte ich viel mehr wahrnehmen, als nur von weitem daraufzublicken. Die Geschlechter sind bei diesem Vorgehen getrennt, daher konnte ich nur die Frauen in ihrem Verhalten mitbekommen. Fast alle standen mit ihren Koerpern so nah wie moeglich an der Mauer und waren kaum ansprechbar. Viele waren aufgeloest und stark am Weinen. Der Großteil kam mit der Tora dorthin und betete zusaetzlich zu ihren Wuenschen oder Sorgen. Eine Frau, die vor mir stand, weinte seit mindestens 45 Minuten in ihr Buch hinein und sprach dabei auch sehr klagend. Jetzt, wenn man das so liest, hoert es sich nicht sehr dramatisch an, aber als ich diese Menschen dort beobachten konnte, haben mich die intensiven Emotionen der vielen weinenden Menschen beruehrt und auch etwas mitgenommen. Ich konnte mir nur vorstellen, was wohl die Hintergruende der Menschen waren, die sich dort offenbarten. Sie hatten auch keine Hemmungen ihre Gefuehle so offen zu zeigen, wovor ich grossen Respekt habe.

Somit konnte ich die Mentalitaet der Menschen in Bezug auf ihren Glauben sehr gut auffassen und miterleben. Die Intensitaet ihrer Gefuehle und des Auslebens ihres Glaubens war sehr beeindruckend und ich bin sehr froh diese Eindruecke fuer mich gewonnen zu haben. Die Menschen hier haben grosses Verstaendnis fuereinander und ihre Gefuehle, welche sie offen und ohne Scham zeigen, was mich persoenlich sehr ueberrascht hat, da man sonst nicht erwartet, dass Menschen oeffentlich und so signifikant ihre Probleme und Aengste zum Ausdruck bringen. Sie beschaeftigen sich mit sich selber und geben sich ihren Gedanken hin, was, wie ich finde, bei vielen Menschen heutzutage nicht wirklich realisiert bzw. ausgeuebt wird. Die Menschen hier, die ich wahrnehmen konnte, legen viel Wert auf das Verarbeiten ihrer Gefuehle.

Defne

Schulleben in Thalita Kumi

Am Montag haben wir uns als erstes in der Kirche der Schule getroffen. Dort wurde, wie jeden Morgen, eine Andacht gehalten. Wir wurden herzlich Willkommen geheißen und haben uns nach der Andacht in kleinen Gruppen auf verschiedene Klassen aufgeteilt. Manche von uns waren in der Grundschule, die meisten von uns waren bei ihren Austauschpartnern. Die Klassen hier sind deutlich kleiner, aber sonst unterscheidet sich der Unterricht hier nicht viel von unserem in Deutschland. Pro Jahrgang gibt es immer eine Klasse, welche ein deutsches Abitur absolviert, DIAP (Deutsche Internationale Abiturprüfung ). Dementsprechend wird der meiste Unterricht auf Deutsch gehalten. Wir waren in einem Matheunterricht einer 12-ten DIAP Klasse. Die Klasse bestand nur aus 8 SchülerInnen und auch dieser Unterricht wurde nur auf Deutsch gehalten. Es ist ziemlich beeindruckend, wie gut ihr Deutschvokabular ist. Die Stimmung war voll locker und lustig. Wir haben das „Ziegenproblem“ (Wahrscheinlichkeitsrechnung) behandelt und dafür in kleinen Gruppen ein Spiel dazu gespielt. Die Schüler sind sehr offen und cool, das hat viel Spaß gemacht.
Leider mussten wir schon früher aus dem Unterricht gehen, weil wir noch ein „Interview“ mit Schülern aus der 11-ten DIAP Klasse geführt haben.

Von Lucia, Noemi und Maja

Unterwegs in Palästina und Israel

Zum vierten Mal startet am Samstag, dem 6. April, eine Reisegruppe der Hans Ehrenberg Schule (vierzehn Schüler*innen und zwei Lehrer*innen) zum Gegenbesuch nach Palästina. Unsere Partnerschule ist die Talitha Kumi school in Beit Jala, nahe bei Bethlehem. Zur Geschichte unseres Austausches: https://hans-ehrenberg-schule.de/index.php/palaestina-talitha-kumi.html

Gefördert wird unser Schüleraustausch durch das Land Nordrhein-Westfalen, durch die Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ des Auswärtigen Amtes und durch die Evangelische Kirche von Westfalen.

Wieder sind wir voller Neugier, offener Fragen und einer großen Portion Vorfreude auf dieses Land, von dem wir so viel gehört haben. Mit diesem Blog möchten wir euch Leser*innen mitnehmen auf unsere Reise. Wenn wir Zeit haben, schreiben wir von unseren Entdeckungen, Abenteuern und Beobachtungen und Gedanken… .

Salam und Shalom Kalle Peitzmann