Wieder daheim

Am 18. April sind wir wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Viele Geschichten warten darauf erzählt zu werden… .

Auch auf der Homepage von Talitha finden sich einige Bilder unseres Austausches: http://talithakumi.ps/school/2019/04/14/austauschbesuch-aus-der-hes-in-bielefeld/

Kalle Peitzmann

Unser Aufenthalt in Hebron

Am 15.04.2019 haben wir ohne unsere AustauschschülerInnen einen Tag in der südlichen Stadt Hebron verbracht. Dank Herrn Kremeyer haben wir einen palästinensischen Guide organisieren können, der sehr gut englisch sprechen konnte und uns den ganzen Tag begleitet hat. 

Die Tour startete in einer kleinen Glasbläserei, die in Palästina aber sehr bekannt ist. Wir konnten sehen, wie ein Mann eine Vase blies und wie zwei weitere Männer Keramikschalen per Hand bemalten.

Weiter ging es in der Stadt. Dort liefen wir über eine Straße, die noch nicht besiedelt war und mit palästinensischen Verkäufern gefüllt war, die Früchte u. ä. verkauften. Dort sind mir und uns direkt die Männer aufgefallen. Noch viel stärker als hier in Beit Jala gafften sie uns an, redeten über uns, filmten uns und pfiffen uns hinterher. Obwohl wir solche Situationen mittlerweile schon kannten, war es dort anders. Die Männer und besonders auch schon kleine Jungen wirkten aufdringlich und vermittelten uns ein komisches Gefühl. Hier in Palästina und vor allem in Hebron wirkt die Rolle der Frau sehr abwertend und man fühlt sich wie ein Objekt, welches nur aufgrund ihrer Reize benutzt wird. Dieses Gefühl finde ich sehr belastend und ich frage mich immer wieder, warum diese Männer und Jungen das tun bzw. wo sie gelernt/oder nicht gelernt haben, wie man sich angebracht verhält.

Nach kurzer Zeit kamen wir direkt zum ersten Checkpoint der Siedlungen, durch welchen wir gehen mussten, um in den israelischen Teil zu kommen. Hebron ist eine Stadt mit großer politischer Bedeutung. Sie ist insofern sehr besonders , weil ein großer Teil des Stadtkerns von israelischen Siedlern besetzt ist. Somit ist die Stimmung durch den direkten Kontakt sehr geladen und es wird dort oft gefährlich. Die Grenzen werden sehr stark von Soldaten bewacht und man kommt nur durch diese Checkpoints in diesen Teil. An sich sind diese nicht spektakulär;  es gibt ein Drehkreuz und gelegentlich wird man von den Soldaten gefragt, woher man kommt und wie viele Personen in der Gruppe sind.

Nach dem Checkpoint standen wir auf einer nahezu ausgestorbenen Straße, welche deshalb auch „Ghost Town“ genannt wird. Sie ist verlassen, obwohl sie früher die Hauptstraße von Hebron war und somit sehr viele Geschäfte vorzufinden waren. Durch die Besetzung wurde diese allerdings gesperrt und alle Verkäufer mussten ihre Läden verlassen, insgesamt mussten 185 Geschäfte geschlossen werden. Dadurch verloren viele Palästinenser ihr Geschäft und vor allem ihre Einkommensquelle.

Bis heute wohnen auch keine Israelis in dieser Straße. 

Nachdem wir diese Straße in eine Seitenstraße verlassen hatten, kamen wir auf einen Markt, der typisch für Palästina ist und sich über die ganze Straße verteilt. Auch dort sind die Blicke der Männer und Jungen sehr auffällig und extrem. Am spannendsten war aber das, was sich über der Straße befand — ein riesiges Gitternetz, gestützt von einem Metallgerüst.

Dadurch, dass sich diese Straße inmitten von Siedlern befindet, kommt es dort schnell zu Ausschreitungen und um diese abzuwehren, wurde das Gitter angebracht um vor Abfall oder anderen evt gefährlichen Gegenständen zu schützen.

Es folgte der Besuch einer Moschee namens Abrahamsmoschee und Machpelamoschee, welche in zwei Hälften getrennt ist. Die eine Hälfte ist für Juden vorgesehen, die andere für Muslime und Christen. Menschen dieser Religionen ist es nicht gestattet, auf die andere Seite der Moschee zu gehen, die nicht für Sie vorgesehen ist.

Mit unserem Guide haben wir die Abrahamsmoschee besichtigt, die andere Hälfte besichtigten wir ohne unseren Guide, weil es ihm als Palästinenser nicht gestattet war, die Machpelamoschee zu betreten. Zwischen den beiden Teilen gab es auffällig große Unterschiede. Während in der Abrahamsmoschee der Boden vollständig mit Teppich ausgelegt war und überdacht war, bestand der andere Teil aus einem Steinboden und er war sehr offen gestaltet. Für mich persönlich wirkte die Abrahamsmoschee viel heiliger und man merkte mehr, dass dieser Ort ein Ort ist, um zu beten und um Frieden zu finden.

Nach diesem Besuch gingen wir zu einer Straße, die zu betreten den Palästinensern komplett verboten ist. Normalerweise ist es den Palästinensern erlaubt in den Straßen zu gehen, aber nicht mit dem Auto zu fahren; wobei bei dieser Straße beides nicht erlaubt war.

Auch diesen kleinen Abschnitt der Straße haben wir ohne unseren Guide besucht. Auch wenn es nur ein kleines Stück war, bemerkte man eine große Veränderung. Ich merkte, wie auffällig es ist, dass dieses eine israelische Siedlung ist, allein schon durch die Menge an israelischen Flaggen, die an jeder Ecke zu sehen waren. Während des Durchgangs fühlte ich mich sehr unwohl. Man stand permanent unter Beobachtung der Soldaten und auch dort waren nur wenige Menschen auf der Straße. Somit war ich sehr froh, als wir wieder auf einer auch für Palästinenser zugelassene Straße angelangten.

Mittags gingen wir dann außerdem noch zu einer palästinensischen Frau, welche für uns alle lecker gekocht hatte.

Danach endete unser Tag in Hebron auch schon, und für mich war es der in Bezug auf die Politik spannendste Tag hier in Palästina, weil der Nah-Ost-Konflikt dort einfach so spürbar war, wie nirgendwo anders und man sich die Konfliktsituation mit eigenen Augen ansehen konnte.

Von Alexa

Die Gastfreundschaft

Die Gastfreundschaft, die uns jeden Tag entgegen gebracht wird, ist überwältigend.
In den meisten Gastfamilien mussten Geschwister ihre Zimmer räumen und teilen es sich nun mit ihren Familienmitgliedern. Nur damit man selbst ein eigenes Zimmer beziehen kann. Als Gast wird man immer gefragt, ob es einem gut ginge, ob man etwas möchte oder ob man Hunger hätte.
Besonders ist sie mir aufgefallen, wenn Freundinnen aus der deutschen Gruppe mich in meiner Gastfamilie besucht haben. Für sie wurde immer mitgekocht, sie waren sehr willkommen und haben sich schnell wohl gefühlt. Jedes Familienmitglied stellt sich vor und versucht sich kurz mit dem neuen Gast zu unterhalten.
Zum Beispiel kam Noemi zu meiner Gastfamilie und mir zu Besuch. Schon beim Eintreten haben sich alle vorgestellt und gefragt, wie es ihr ginge. Darauf hat die Mutter, weil wir gerade von einem langen Tag mit Wanderung zurück kamen, extra für uns gekocht. Wir durften die Playstation meines Austauschschülers benutzen und haben später auch noch einfach so Kuchen bekommen.
Es ist selbstverständlich, dass man als Gast nicht zahlt und ich musste meinen Austauschschüler schon mehr oder weniger dazu zwingen, dass ich zahlen wollte.
So fühlt man sich sofort wie zu Hause und man kann die Zeit genießen, weil man selbst sich um nichts kümmern muss. Dabei richtet sich meine Gastfamilie oft nach mir. Der Satz, den ich am häufigsten zu hören bekommen habe, war „As you like“.

Lena

Ein neuer Staat?

Schon lange wird eine Lösung für den Nahostkonflikt gesucht. Soll es eine Zweistaatenlösung sein, wie es die EU und andere seit langem fordern? Ist das noch möglich bei etwa 700.000 jüdischen Siedlern in der palästinensischen Westbank? Oder doch eine Einstaatenlösung, bei der Palästina in den Staat Israel integriert werden würde. Was heißt das für den jüdischen Staat Israel, wenn alle Palästinenser – wie auch immer genau- irgendwie dazugehören?

Diese Modelle werden seit langem diskutiert. Bekanntlich bereitet Donald Trump ja seit 2 Jahren seinen ultimativen Deal zur Lösung des Konflikts vor, mit dem er in die Geschichtsbücher eingehen möchte. Jetzt, wo Benjamin Netanjahu als israelischer Ministerpräsident bestätigt ist, soll dieser Plan wohl im Mai vorgelegt werden. Es gibt hier viele Gerüchte und große Sorgen. Wenn Trump und Netanjahu sich einigen über die Zukunft Palästinas, was an sich ja schon paradox ist, kann für die Palästinenser kaum etwas Gutes dabei herauskommen. Die Spannung ist groß.

Ein sehr origineller Lösungsvorschlag begegnet uns hier häufiger: Die „New state solution“, die von israelischer Seite sehr stark beworben wird. Eine Mischung aus Druck und Verlockung für die Palästinenser in der Westbank, in Gaza und in den Flüchtlingslagern der umliegenden Staaten: Ein boomender Palästinenserstaat soll in Gaza und einem Teil der Sinaihalbinsel entstehen. Dorthin sollen die palästinensischen Massen dann strömen (oder getrieben werden?), so dass die Westbank ganz oder teilweise an Israel gehen kann, wie es Netanjahu bereits angekündigt hat. Ein Werbefilm für diese Idee, der in palästinensischen Kreisen Irritation und Schrecken ausgelöst hat: http://www.youtube.com/watch?v=ZlkBOMFK03A

Die christlichen Palästinenser haben in den letzten Jahrzehnten sehr zahlreich das Land verlassen, so dass ihr Bevölkerungsanteil auf unter einem Prozent gesunken ist. In letzter Zeit versucht die muslimisch geprägte Palästinensische Autonomiebehörde wohl gegenzusteuern, indem sie z.B. die Renovierung christlicher Kirchen in Beit Jala finanziell fördert. Würden sie ihre Heimat freiwillig verlassen, um in einen neuen palästinensischen Staat überzusiedeln? Schwer vorstellbar!

So wird uns unser Austausch auch in den nächsten Jahren wohl nicht nach Gaza oder in den Sinai, sondern nach Beit Jala bei Bethlehem führen.

Kalle Peitzmann

Übernachtung in Beit Noah

Am Freitag morgen ging es früh los zum See Genezareth. Nach einer langen, etwa zweieinhalbstündigen Busfahrt sind wir in Nazareth angekommen und haben uns die Verkündigungskirche angeguckt, in welcher Maria verkündet wurde, dass sie ein Kind bekommen wird. Maria wurde dort von Künstlern aus vielen verschiedenen Ländern aus der ganzen Welt in ihrem eigenen „Style“ abgebildet. Die Kirche wurde über dem Haus von Maria gebaut und man kann im Inneren der Kirche die Stelle sehen, an der Maria die Geburt verkündet worden sein soll.

Von dort sind wir weiter nach Kefar Kanna zu der Hochzeitskirche gefahren. Die Hochzeit in Kana ist ein bekannter Teil der Bibel, bei welcher Jesus Wasser in Wein verwandelte. Der Platz, wo Jesus dies getan haben soll, ist direkt unter der Kirche. Es gibt einen großen Kelch aus Stein, in welchem das Wasser verwandelt wurde. Viele Menschen haben dort Geld oder Papiere mit Gebeten in den Kelch geworfen.

Danach sind wir nach Tabgha in das Haus Beit Noah gefahren und haben unsere Sachen dort in unsere Zimmer gelegt. Ein paar von uns waren schwimmen oder haben sich daneben gesetzt und geredet. Am Abend sind ein paar Schüler einkaufen gegangen, um später Abendessen zu machen. Manche sind in das Kloster dort gegangen und haben am Abendgebet der Mönche teilgenommen. Der Gottesdienst war cool und sehr anders als bei uns in Deutschland. Es gab 3 Mönche, die vorne saßen und den Gottesdienst geleitet haben. Es wurde viel gesungen, aber nicht mit Musik im Hintergrund, sondern die Mönche haben ohne richtigen Takt eine Zeile des Liedes „gesungen“ und die Gemeinde hat dann die darauffolgenden Zeilen gesungen. Ein Mönch hat eine kurze Predigt gehalten und danach wurden wieder Lieder in genau demselben Schema gesungen; zuerst hat ein Mönch gesungen und dann die Gemeinde. Am Ende des Gottesdienstes gab es nicht wirklich ein Ende, sondern die Mönche sind einfach nach vorne gegangen, haben sich vor einem Tisch mit Kerzen verbeugt und sind dann weggegangen. Der Gottesdienst war sehr anders als der hier in Deutschland, da es keine musikalische Untermalung gab, die Lieder wurden nicht wirklich gesungen, sondern sie wurden aufgesagt und die Predigt war viel kürzer. Trotzdem war es eine coole Erfahrung, einmal an so einem Gottesdienst teilzunehmen.

Nach dem Gottesdienst gab es etwas zu essen und ein paar haben Verstecken gespielt. So war es ein sehr belehrender, cooler Tag mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen.

Von Zoe


Was gibt’s Neues in Palästina?

Warum waschen soviele Palästinenser in diesen Tagen ihre Autos? Natürlich ist der palästinensische Mann ähnlich autoverliebt wie der deutsche, aber sie waren auch wirklich schmutzig, weil der Regen der letzten Wochen auch den Sand der Wüste auf dem kostbaren Lack hinterlassen hat. Der Olivenseifenproduzent in Nablus erklärte uns, dass es 40 Jahre nicht mehr soviel geregnet hat wie den letzten beiden Monaten. Wasser ist ein kostbares Gut in Palästina und wir erfreuen uns an dem saftigen Grün um uns herum, was die Landschaft noch bezaubernder erscheinen lässt.

Und was gibt’s sonst noch Neues? In der Schulandacht am Montag wurden wir wie immer mit herzlichen Worten begrüßt, hörten die bekannte palästinensische Hymne und dann erklang zu unserer Überraschung „Einigkeit und Recht und Freiheit“ aus mehreren hundert palästinensischen Kehlen, begleitet vom temperamentvollen Klavierspiel der Musiklehrerin Reem Handal. Wir hörten, dass der neue Schulleiter die deutsche Hymne jeden Montag singen lässt. Wir waren überrascht und irritiert. „Einigkeit und Recht und Freiheit“, für die auch in unserer Geschichte immer wieder gekämpft werden musste, sind sicher auch Ziele der heutigen Palästinenser. Aber ob wir wirklich als Vorbild taugen? Spätestens bei „Blüh im Glanze dieses Glückes“ sind die meisten Nichtmuttersprachler bekanntlich überfordert.

Ein Wort noch zu unseren Schüler*innen: Sie benehmen sich großartig, sind sehr interessiert und führen soviele interkulturelle Gespräche mit ihren Partnern, deren Omas und Tanten, dass es eine Freude ist. Der arabische Kunstlehrer, mit dem die Schüler*innen heute eine Wand gestaltet haben, war so begeistert, dass er einen von uns schon adoptieren wollte. Am Ende meinte er, „They are working like a German machine“ und meinte das eindeutig als Kompliment. 😀

Kalle Peitzmann

Als blondes Mädchen in Palästina

,,Darf ich eine Foto mit dir machen?,, Fragen, die ich persönlich oft zu hören bekommen habe. Es ist fast schon normal, dass Autos hupen und halten um dir Komplimente zu machen. Eine süße Geste, die leider sehr nervig ist.

Als blondes Mädchen hat man es nicht sehr einfach und fühlt sich wie eine Art Attraktion. Ich hatte zwar schon erwartet, dass ich öfters angeguckt werde, aber dass man so weit geht und Videos von mir aus dem Auto heraus macht, ist echt krass. Ich habe ein wenig das Gefühl, dass man bevorzugt wird und sich viele sehr verstellen um einen guten Eindruck zu machen. In Talitha Kumi sind alle ziemlich freundlich und nicht so aufdringlich wie zB. Männer auf den Strassen. Selbst die kleinen Kinder sagen einem freundlich Hallo oder erwähnen, wie hübsch man sei und wie hell meine Haare seien. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl und wirklich unangenehm. Ich vermute auf den Strassen Bei Jalas laufen nicht ungedingt viele blondhaarige Mädchen rum, weswegen man quasi was Besonderes ist. Ich meine, in Deutschland ist es eine normale Haarfarbe und nichts Besonderes. Man sieht mir eben direkt an, dass ich nicht von hier bin. Nach einiger Zeit ignoriert man zwar die schmierigen Anmachen aber innerlich stört es einen doch sehr, am meisten, weil man nicht mit einem so starken Ansehen und solcher Belästigung gerechnet hat.

Das alles klingt sehr negativ, aber eigentlich kann man sich gut über solche Personen lustig machen. Wenn man sie anspricht, sind sie meistens auch leise, wahrscheinlich aus Angst? Aber auch trotz ständiger Kommentare geniesse ich den Aufenthalt hier sehr und habe viel Spaß. 🙂

-Franziska